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1. August-Ansprache 2018 Roger Bachmann, Stadtpräsident Dietikon

 

Liebe Dietikerinnen und Dietiker, liebe Gäste

 

Ich mag mich noch gut daran erinnern, wie ich als kleiner Junge jeweils stolz mit dem Lampion, durch die Stadt zur Stadthalle marschiert bin, wo dannzumal die 1. August-Feiern noch stattfanden. Das Abbrennen von Frauenfürzen und Raketen bildete zwar die Hauptsache und doch mag ich mich noch daran erinnern, wie wir jeweils andächtig und auch mit Respekt den Festreden zugehört haben, auch wenn wir vermutlich nicht immer verstanden haben, worüber da eigentlich geredet wurde.  

Als Knabe hätte ich nie daran gedacht, dass ich einmal selber auf dem Podest stehen und zu Ihnen reden darf und wenn man mich nach dem Berufswunsch gefragt hätte, hätte ich mit Sicherheit auch nicht mit «Stadtpräsident» sondern wohl eher mit «Pilot» geantwortet.  

Mit dem Steuerknüppel eines Flugzeugs ist es nichts geworden, dafür haben Sie mir kürzlich aber quasi das Steuerrad der Stadt vertrauensvoll übertragen und dafür danke ich Ihnen. Der Pilot ist für einen sicheren und angenehmen Flug auf eine gut funktionierende Crew angewiesen – beim Stadtpräsidenten ist das auch nicht anders; insofern hoffe ich, dass wir Alle zusammen, Behörden und Verwaltung, mit Ihrer Unterstützung die Stadt Dietikon in eine erfolgreiche Zukunft führen werden, auch wenn es sicher gelegentlich Turbulenzen geben wird, in Anbetracht der grossen Herausforderungen, die uns bevorstehen - Es muss das Ziel sein, dass wir Alle auch künftig gerne hier in Dietikon zu Hause sind.  

Aber wo sind wir denn eigentlich zu Hause? Unsere Heimat ist dort, wo unsere Familien, Freunde und Bekannten zu Hause sind, dort wo wir uns sicher und wohl fühlen, wo wir mitreden und mitgestalten können.  

Unser zu Hause, unser Land ist nicht zuletzt dank der Kompromissfähigkeit dazu geworden, was es heute ist - wir alle, ob jung ob alt, links oder rechts, reformiert oder katholisch, Mann oder Frau, besinnen uns immer wieder auf gemeinsame Werte, welche die Basis unseres Zusammenlebens sichern. Selbstverständlich entwickeln sich unsere Wertvorstellungen ständig weiter, was vor 100 Jahren undenkbar war, ist heute normal und umgekehrt.

Nicht jeder von uns hat zu einem bestimmten Thema die gleichen Wertvorstellungen, aber in unserer direkten Demokratie ist es möglich, dass grundsätzlich jeder und jede seine Meinung frei sagen darf, dass man einander zuhört und am Ende zusammen der berühmte schweizerische Kompromiss gefunden wird.  

Unsere vier Kulturen, unsere vier Sprachregionen, unsere 26 Kantone beweisen immer wieder, dass man einander zuhören, aufeinander zugehen und das Gemeinsame über das Trennende stellen will.

 

Wir Schweizerinnen und Schweizer jammern gerne über die Probleme in unserem Land, natürlich haben wir die, sei dies der Dichtestress, sei es die Sorge um die Zukunft unserer Altersvorsorge, die Kostenexplosion im Gesundheits- und Sozialbereich usw. Alle diese Probleme sind real und müssen gelöst werden und ich bin überzeugt, dass wir sie auch gemeinsam lösen werden, auf die bewährte gut-schweizerische Art.  

Vergessen wir nicht: Im Vergleich zu anderen Staaten geht es uns immer noch sehr gut, das darf uns dankbar, stolz und zufrieden machen, soll uns aber auch nicht dazu verleiten, phlegmatisch und gleichgültig zu werden.  

Wenn man sich stolz auf unser Land und unsere Eigenheiten aber eben auch Privilegien zeigt, gibt es immer wieder Leute, die sofort darauf hinweisen, dass es nur Glück sei, wenn man als Schweizerin oder Schweizer geboren werde – das mag sein, ich bin mir aber sicher, dass die grosse Mehrheit von uns hart daran arbeitet, dass wir uns dieses Glück auch in Zukunft bewahren können. Es sind die Menschen, die gemeinsam mit ihrem Tun ein Land zu dem machen was es ist.  

Das Thema Migration und Ausländer steht im Sorgenbarometer der Schweizerinnen und Schweizer jedes Jahr auf einem Spitzenplatz, dabei werden uns gelegentlich auch fremdenfeindliche Tendenzen unterstellt – Wer stolz auf die Schweiz ist und sich gleichzeitig um die Zuwanderung in unser kleines Land sorgt, ist noch lange nicht fremdenfeindlich und schon gar kein Rassist, schliesslich wird kaum jemand die humanitäre Tradition in unserem Land in Frage stellen und ich glaube, dass wir uns alle einig darüber sind, dass Menschen, die in ihrem Heimatland tatsächlich an Leib und Leben gefährdet sind, bei uns Schutz finden sollen.

Es muss aber auch klar sein, dass wer kein Bleiberecht hat, ins Ursprungsland zurückkehren muss und wer bleiben darf, muss selber einen aktiven Beitrag zur Integration leisten – denn nur wer weiss, wie wir Schweizerinnen und Schweizer leben, wer unsere Werte, unsere Gepflogenheiten, unsere Sitten und Gebräuche und die hiesige Rechtsordnung kennt und respektiert, wird letztlich auch von der Gesellschaft akzeptiert. Alle anderen werden bei uns keine Zukunft haben, so funktioniert das Zusammenleben auch in jedem anderen Land dieser Welt. 


Verleugnen wir unsere Wurzeln und unsere Herkunft nicht. Stehen wir zur Tatsache, dass unser Staat im christlichen Glauben verwurzelt ist, davon zeugt ja auch unsere Schweizer Fahne. Ein solches Selbstbewusstsein steht überhaupt nicht im Widerspruch zum Dialog mit anderen Religionen und Kulturen.  

Es braucht unbedingt einen konstruktiven interreligiösen und interkulturellen Austausch, nur so wird es möglich sein, dass wir auch weiterhin friedlich und nationenübergreifend zusammenleben können. Aber wir dürfen eben auch erwarten, dass sich die Migrantinnen und Migranten mit unserer Kultur und Herkunft befassen und historisch gewachsene Traditionen und gesellschaftliche Errungenschaften geachtet und respektiert werden.  

In den letzten paar Wochen ist viel über Doppeladler, doppelte Staatsbürgerschaft und unmusikalische Fussballspieler diskutiert worden – die Meinungen gehen da weit auseinander, aber vielleicht sollten wir gerade beim Sport, der in einer multikulturellen Gesellschaft wie der unseren ein wichtiges, identitätsstiftendes Element ist, in Zukunft weniger auf Negatives und dafür viel mehr auf jene Doppelbürger achten, die stolz darauf sind ein rotes Leibchen mit weissem Kreuz zu tragen und dies auch zeigen:  

Ich habe beispielsweise selber in diesem Frühling live vor Ort miterleben dürfen, wie der Torhüter unserer Handballnationalmannschaft, der serbischschweizerischer Doppelbürger ist, beim Gewinn der Championsleague mit seinem französischen Klub bei der Pokalübergabe stolz die Schweizer Fahne auf dem Rücken trug; und vor Länderspielen singt er übrigens auch die Nationalhymne mit… 

Oder kürzlich habe ich eine junge Dietiker Leichtathletin mit afrikanischen Wurzeln bei einem Einbürgerungsgespräch getroffen, die mir stolz und mit leuchtenden Augen erzählt hat, dass sie unbedingt einmal für die Schweiz an einem Grossanlass starten wolle – ich habe ihr versprochen, falls sie dies schaffen sollte, ich sicher auf der Tribüne sitzen und sie anfeuern werde, natürlich mit einer Schweizer Fahne in der Hand. Das sind Beispiele, die für eine erfolgreiche Integration stehen und diese sollten wir und v.a. auch die Medien als Vorbilder für Leute herausstreichen, die selber noch im Integrationsprozess stehen.  



Liebe Dietikerinnen und Dietiker - Wir alle müssen Sorge zu unserer Heimat tragen, die Politiker, in dem sie die Bedürfnisse und Ängste der Bevölkerung ernst nehmen, damit es nicht zu einer Erstarkung von zweifelhaften politischen Kräften und Exponenten wie im Ausland kommt.  

Aber auch Sie Alle sind gefordert, in dem Sie ihre politischen Rechte nutzen und vom Stimm- und Wahlrecht Gebrauch machen – sind Sie sich ob dieses einmaligen Privilegs bewusst, ein Privileg, das es in dieser Form nur in unserem Land gibt.  

Es gilt mit dem Wahrnehmen des aktiven Wahl- und Stimmrecht auch Tendenzen, die von einer geistigen Elite gefördert werden, entgegenzuwirken: Wenn das Volk nicht so entscheidet, wie sich das die Elite wünscht, dann heisst es regelmässig, dass die Demokratie in der heutigen Form gefährlich und am Ende sei, dass das Volk überfordert oder noch schlimmer, gar dumm sei und darum falsch abstimme oder zähle.  

Das Volk ist ganz sicher nicht dumm im Gegenteil, es hat vielfach das bessere Gespür für den richtigen Weg als dies die Elite hat. Das Volk, Sie Alle sind letztlich der Chef oder die Chefin in unserem Land, in unserem Kanton und übrigens auch in unserer Stadt – sind Sie sich dessen immer bewusst.  

Wer von uns hat sich nicht auch schon einmal über den Föderalismus und den Kantönligeist aufgeregt und trotzdem bin ich überzeugt, dass die Vorteile unserer Staatsstruktur, mit einer weitgehenden Selbstbestimmung der kleinsten staatlichen Einheit, nämlich der Gemeinde, die Nachteile bei weitem überwiegen, denn die Entscheide sollen primär dort getroffen werden wo die Nähe zu den Betroffenen am grössten ist, eben in der Gemeinde, das fördert auch die Akzeptanz. Darum ist es auch wichtig, dass wir uns trotz Nationalstolz, alle für den Erhalt von unseren kleinräumigen Strukturen einsetzen und für den Bestand und die Stärkung der Gemeindeautonomie einstehen.

 

Damit unsere Staatsstrukturen und die Gemeindeautonomie erhalten bleiben, braucht es aber natürlich auch Leute, die das System am Leben halten: Die Schweiz lebt vom Milizsystem. Sie lebt davon, dass sich Zehntausende von Männern und Frauen ausserhalb ihres Familien- und Berufslebens engagieren. Miteinander verbunden sein, gemeinsam verantwortlich sein. Mehr tun als nötig ist, für sich selber, aber auch für andere! Das Milizsystem ist ein unschätzbar wertvolles Gut dem wir Sorge tragen müssen.   

Als ich mich mit meiner 1. August-Rede befasste, habe ich mich auch wieder einmal ein bisschen näher mit der Vergangenheit unseres Landes auseinandergesetzt – ich will Ihnen heute um Himmelswillen keine langweilige Geschichtslektion erteilen, ich glaube aber, dass es gerade am Nationalfeiertag durchaus angebracht ist, ein bisschen in den Geschichtsbüchern zu wälzen – «Nur wer weiss woher er kommt, weiss, wohin er geht» - dieser Spruch, ist zwar von einem Deutschen, nämlich dem ersten Bundespräsidenten, Theodor Heuss, gilt aber für andere Nationalitäten genauso.  

Wir leben heute in einer Zeit, die zunehmend von Individualismus, Materialismus und nicht selten auch Egoismus geprägt und eine stetig wachsende Anspruchshaltung gegenüber dem Gemeinwesen festzustellen ist, während die Eigenverantwortung immer mehr auf der Strecke bleibt. Zu diesem Thema gibt es ein leuchtendes Beispiel aus der Schweizer Geschichte, das uns als Vorbild dienen und zum Nachdenken anregen sollte:  

Sie kennen vielleicht den Satz «Mached dä zun nöd zwiit!», der Niklaus von Flüe bekannter als Bruder Klaus zugerechnet wird – diese Aussage unseres Nationalheiligen meint nichts anderes, als dass man auf Eigennutz verzichten solle. Wir sollten den eigenen Zaun tatsächlich nicht zu weit setzen und Ansprüche stellen, auf die wir kein Recht haben. Umgekehrt dürfen wir aber durchaus auch über den eigenen Zaun hinausschauen und uns dafür interessieren, was dahinter passiert.  

Bruder Klaus hat mit Zuhören, mit Vermitteln, quasi als Mediator, dafür gesorgt, dass Kriege und Auseinandersetzungen verhindert worden sind. Er war u.a. massgeblich am «Stanser Verkommnis» von 1481 beteiligt, wo der Konflikt zwischen Stadt- und Landorten beseitigt wurde und als Verfassung der frühen Eidgenossenschaft bezeichnet werden kann.  

Vor dem Stanser Staatsvertrag gab es viele lose Bündnisse zwischen den einzelnen Orten, die mit einem öffentlichen Schwur bezeugt wurden, aber auch brüchig waren – Damit es eben nicht zu einem Bruch kam, wurden alle möglichen Fester gefördert, was einen Historiker einmal dazu brachte, die frühe Eidgenossenschaft als «Fress- und Saufgemeinschaft» zu bezeichnen.

Vielleicht sollten wir uns daran ein Beispiel nehmen und viel mehr zusammen Fester feiern um den Zusammenhalt untereinander zu fördern.  

Uns bietet sich ja schon bald Gelegenheit dazu: In knapp vier Wochen, vom 31. August bis am 2. September, findet bekanntlich das grosse Stadtfest statt und ich hoffe natürlich, dass Sie Alle, zusammen mit Familie, Freunden und Bekannten, ebenfalls dabei sein werden.

Liebe Dietikerinnen und Dietiker, ich hoffe, dass Sie alle wie ich stolz auf unser wunderschönes und gut organisiertes Land und seine Bewohnerinnen und Bewohner sind, Tragen wir unserem Heimatland, unserem zu Hause, Sorge und schauen zusammen dafür, dass auch künftige Generationen Stolz auf die Schweiz sein können. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen eine schöne und besinnliche 1. August-Feier.


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